„Die Natur ist eine lebensnotwendige Kraftquelle für mich.....“

„Nicht außermusikalische Ereignisse sind für mein Komponieren wichtig, sondern ausschließlich ein kreativer Wille zur Formgebung klanglicher Vorstellungen und Ereignisse.“

So die Komponistin und Malerin Eva Schorr. Die „Naturgesetze“ Wiederkehr, Gegensatz, Fluss, Entsprechung, Steigerung und Wachstum sind bestimmend für ihr kompositorisches Konzept. In ihrer Malerei ist es ähnlich: nicht das Bild des Menschen, sondern Landschaft, die Beziehungen zwischen Erd- und Himmelswelt ist ihr Hauptthema, nicht realistisch, sondern surrealistisch, symbolhaft, gleichnishaft die Gesetze des Werdens und Vergehens nachzeichnend.


Eva Schorr gehört zu den schöpferischen Künstlerinnen, denen eine Doppelbegabung eigen ist und die sie auch in gleicher Weise realisieren. Eva Schorr ist Malerin, Bildhauerin und Komponistin. Die Entwicklung dieser Anlagen geschah bereits im Elternhaus, wo sie von der musikalischen Mutter den Elementarunterricht auf dem Klavier erhielt und die generelle künstlerische Anregung vom Vater, der Musik-, Zeichen- und Sportlehrer war, außerdem Organist und Chorleiter in Crailsheim. Sie begann bereits als Kind zu komponieren.

Als sich die 20jährige Lehrertochter Eva Weiler 1947 an der Stuttgarter Musikhochschule für das Studium der Kirchenmusik anmeldete, war das keine Besonderheit; der damals noch schlecht bezahlte Beruf des Kirchenmusikers erschien als legitime Frauenbeschäftigung. Dass das stille blonde Mädchen aber auch Komposition studieren wollte, wirkte in der damaligen Hochschulwelt ziemlich vermessen. Doch der namhafte Hochschuldirektor Hermann Keller wusste, was für eine Begabung ihm da zuwuchs; Eva Weiler studierte bei ihm Orgel und Tonsatz, wechselte dann zum Orgelvirtuosen Anton Nowakowski und zur strengen Kompositionsautorität Johann Nepomuk David und bestand nach ihrem Doppelstudium 1951 die Abschlussprüfungen als hauptamtliche Kirchenmusikerin und als Komponistin mit optimalen Noten.

Allem Leistungsvermögen zum Trotz galten aber Komponistinnen in deutschen Landen in den 50er Jahren noch als Unpersonen; das bekam die Crailsheimerin zu spüren, als ihre Bewerbung um eine Lehrstelle im Tonsatzbereich der Hochschule von einem der nachfolgenden Direktoren allein mit der Begründung abgelehnt wurde, dass „derlei nur von einem Mann zu bewerkstelligen sei.



Eva Schorr hat eine Passion, die auch für ihr schöpferisches Tun grundlegend ist, nämlich eine ausgesprochene Liebe zur Natur. Zu Ferienzeiten wandert sie über alpine Hochalmen und fotografiert Blumen, doch auch in Schönbuch, auf der Schwäbischen Alp und in Hohenlohe kennt sie zahllose Wege zu jeder Jahreszeit. Auf die Frage, was Natur für sie bedeute, ob sie auch eine Inspirationsquelle für ihre Kreativität sei, antwortet sie „Die Natur ist eine lebensnotwendige Kraftquelle für mich. Sie trainiert den Blick, mobilisiert und kräftigt physisch und psychisch die körperliche Zuständigkeit, sie reduziert Probleme auf ihr biologisches Maß. Für meine Malerei ist sie nie Vorlage, aber immer wesentlich.“ Trotzdem – die häufigsten Sujets ihrer Bilder sind Landschaften, Dinge aus der Natur. Betrachtet man ihre Gemälde “Die blauen Kakteen“ (1975) oder „Der große Stein“ intensiv, so ist etwas davon zu finden, was sie selbst über ihre Beziehung zur Natur und Landschaft aussagt. Eine akribische Beobachtungsfähigkeit, die Liebe zu Genauigkeit und Detail verbinden sich mit der Gabe, den „eigenen Blick“ hinzuzufügen. Genau dieses will sie im Betrachter provozieren. „Ich male hauptsächlich Landschaften“, sagt sie, „die mit dem Betrachter in Korrespondenz treten sollen und ihm Räume öffnen sollen in Bereiche, die seiner latenten Fantasie entgegenkommen“.



Bei Doppelbegabungen liegt es nahe, nach der gegenseitigen Beeinflussung der beiden künstlerischen Medien Malerei und Musik zu fragen. In der Kunst des 20. Jahrhunderts ist diese Integration zu einer der wesentlichen künstlerischen Ausdrucksformen geworden: in der Collage, die es in der Literatur, Musik und Malerei gibt, können alle genannten Bereiche miteinander verknüpft werden.



Eva Schorr hat keine Collagen angefertigt. Sie sagt: „Seit meiner frühsten Jugend (schon im Vorschulalter) sind mir dank eines Elternhauses, das dafür die notwendigen Voraussetzungen bot, sowohl die Musik als auch die Malerei lebensnotwendige Aussageformen geworden. Gegenseitige Beeinflussungen gibt es im thematischen Sinne nicht, wohl aber eine ästhetische und formale Grundhaltung, die den Weg vom kreativen Einfall bis zur detaillierten Ausarbeitung bestimmt. Ein Bild allerdings, der „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch, wurde thematische Vorlage für mein Konzert für Violine und Orchester“. Das Violinkonzert „Septuarchie“ (1975) wurde von Susanne Lautenbacher und Hans Zanotellis Stuttgarter Philharmonikern in der Liederhalle uraufgeführt. Dass Eva Schorr eines der bekanntesten Gemälde H. Boschs wählte, ist sicher bezeichnend. Mit der Hinwendung zu einem der größten Meister der Renaissance trifft die Malerin und Komponistin auf ästhetische Grundsätze, die in ihrem eigenen Schaffen wieder zu finden sind.



Dass Eva Schorr sich der seriellen Kompositionstechnik verschrieben hat, wundert nicht sehr angesichts ihrer Ambitionen zur Renaissance in der Malerei. „Ich komponierte schon als Kind mit Vorliebe Fugen und kontrapunktisch geprägte Stücke, ohne dies damals „gelernt“ zu haben. Diese Vorliebe für Architektonik wurde durch meinen Lehrer Johann Nepomuk David gefördert und schlägt sich heute nieder in der seriellen Musik. Der Dualismus und die Gegenüberstellung von formgebenden kontrapunktischen Stützpfeilern und farbig bestimmten Flächen ist sowohl in der Musik als auch in der Malerei massgebend für mich“. Kontrapunktische Techniken sind ein wesentliches Merkmale serieller Musik. Aber auch die mathematisch fundierte Basis macht die serielle Kompositionsmethode aus. In ihr sind alle Parameter – dazu gehören Tonhöhe (jeder einzelne Ton); Tondauer (die Länge der einzelnen Töne), Dynamik (Lautstärke) – zunächst isoliert nach mathematischen Gesetzmäßigkeiten vorprogrammiert, bevor sie zu einem Musikstück zusammengefügt werden. Die Rückbesinnung auf die Renaissance drängt sich auf: dort wurden die mathematischen Gesetzmäßigkeiten, die den Kompositionen zugrunde lagen, aus einem kosmischen Ordnungsprinzip abgeleitet; heute gestaltet der Komponist seine Ordnungsprinzipien selbst. Vorgegeben sind ihm lediglich die zwölf Töne unseres Europäischen Tonsystems, auf das sich die serielle Methode aufbaut.



Eva Schorr interessiert sich neben ihren kreativen Ausdrucksbereichen auch für Literatur. Schon sehr früh vertonte sie Texte von Johannes Poethen und Gabriele Wohmann. Sie liest Handke, Fromm und befasst sich mit den ästhetischen Theorien Adornos. „Kulturphilosophische Phänomene sind bei produktiven Menschen wohl immer im Spiele“, sagt sie. „Die Auseinandersetzung damit, die Reibung zwischen Tradition, Gegenwart und Zukunft wird in jedem Werk deutlich.“ Adorno hat – wie kaum ein anderer Philosoph – die Auseinandersetzung des Künstlers mit den Problemen seiner Zeit gefordert. Er litt besonders unter den Grausamkeiten des Nationalsozialismus und glaubte, dass Kunst dort nichts mehr zu sagen habe, wo Kriege und Tod herrschen. In der Kunst, vor allem der Musik des 20. Jahrhunderts erblickte er nur Zerfall und Destruktion und sagte ihr Ende voraus. Nun, es hat sich gezeigt, dass die Kunst noch nicht am Ende ist. Auch die sogenannten Zerfallserscheinungen hat sie überstanden: Die junge Generation besinnt sich stärker auf die Tradition und verwendet Techniken und Formen der Vergangenheit.



Auch Eva Schorr sieht diese Aufgabe des Künstlers, Probleme seiner Zeit aufzugreifen und künstlerisch zu verarbeiten, sehr deutlich: „Ich fühle mich sehr wohl als Künstlerin meiner Zeit und versuche in der Musik z.B. mit der Gegenüberstellung von modernen Texten und Bibelzitaten aktuelle Probleme und Ängste aufzuzeigen, ohne damit plakative Modetrends erzeugen zu wollen“. Sie realisiert – bewusst oder unbewusst – die Bindung zur Tradition und deren Übernahme in die Gegenwart. Dass sie eine besondere Beziehung zur Renaissance hat, macht ihre selbst gesetzte künstlerische Aufgabe auch besonders relevant: es sind ähnliche gesellschaftliche Bestrebungen, die beide Epochen einander vergleichbar machen. Die Renaissance ist gekennzeichnet durch das Emanzipationsbestreben des Menschen, einer Emanzipation zu sich selbst als Individuum; heute beschränkt sich das Emanzipationsbestreben nicht nur auf die Frau. Entdeckung der Natur: in der Renaissance wird sich der Mensch ihrer in realistischer Weise bewusst; heute bezieht sich dieses Bewusstsein auf die Verhinderung ihrer totalen Zerstörung. Nicht zuletzt berühren sich beide Epochen in dem Bedürfnis, im musikalischen Bereich Ordnungssysteme der Natur widerzuspiegeln.



Vor diesem Hintergrund schafft Eva Schorr ihre zahlreichen Kompositionen, die allerdings auch in ganz pragmatischen Zusammenhängen entstehen. „Es gibt schöpferische Schwerpunkte“, sagt die Komponistin, „und Schwerpunkte in der Auflistung des Werkverzeichnisses. Diese sind oft abhängig von Interpreten, vom Zielpublikum und vom Instrumentarium des Auftraggebers und decken sich nicht unbedingt mit den schöpferischen Schwerpunkten. Sie liegen eindeutig bei der Kammermusik, während die eigentlichen Schwerpunkte Stücke sind, die kraft vielfältiger Möglichkeiten zur Farbgebung meiner Ambitionen mehr Rechnung tragen (Orchesterstücke)“. Eva Schorr folgt damit – wie über sie zu lesen ist –„einer altbewährten Tradition“: Schon immer lebten Komponisten von Auftragskompositionen – seit dem Mittelalter waren es die Könige und der Adel, die solche erteilten, heute sind es Mäzene wie Rundfunk, Fernsehen oder Privatleute. Merkwürdig nur, dass auf die Frauen eher die „kleineren“ Aufträge zukommen: Lieder, Kammermusik, in seltenen Fällen einmal ein kleineres Orchesterwerk. Dies sind Probleme, die hinlänglich beantwortet sind: die komponierende Frau muss unterdrückt werden, damit der komponierende Mann außer Konkurrenz bleibt. Auf die Frage, ob auch einmal eine Frau Wegbereiterin einer neuen Kompositionsrichtung sein könne, antwortet Eva Schorr: Ich kann mir vorstellen, dass eine zunehmend matriarchalische Gesellschaft auch stil- und epochemachende Frauen hervorbringen wird.“



Noch aber leben wir in einer patriarchalisch ausgerichteten Gesellschaft, in der vornehmlich die Frau ihren Familienpflichten nachgeht. Eva Schorr ist verheiratet, hat drei Kinder und inzwischen auch Enkelkinder. Auf die Frage „Sie gehören zu jenen Frauen, die mit der Doppelbelastung “Familie – Beruf“ leben müssen. Haben Sie diese Frage für sich befriedigend gelöst? Oder hätten Sie lieber mehr Zeit für ihre schöpferische Tätigkeiten?“ antwortet Eva Schorr „Ich habe versucht die Familie, das Komponieren und das Malen gleichberechtigt nebeneinander zu bewältigen. Bei diesem Ineinandergreifen von drei produktiven Zweigen meiner Existenz gibt es keine Dominanz, was wiederum die Toleranz meines Mannes und meiner Kinder zur Selbstverständlichkeit werden ließ.“