| |
„Die Natur ist eine lebensnotwendige
Kraftquelle für mich.....“ |
„Nicht außermusikalische Ereignisse
sind für mein Komponieren wichtig, sondern ausschließlich
ein kreativer Wille zur Formgebung klanglicher Vorstellungen und Ereignisse.“
|
 |
 |
So die Komponistin und Malerin Eva Schorr. Die „Naturgesetze“
Wiederkehr, Gegensatz, Fluss, Entsprechung, Steigerung und Wachstum
sind bestimmend für ihr kompositorisches Konzept. In ihrer
Malerei ist es ähnlich: nicht das Bild des Menschen, sondern
Landschaft, die Beziehungen zwischen Erd- und Himmelswelt ist ihr
Hauptthema, nicht realistisch, sondern surrealistisch, symbolhaft,
gleichnishaft die Gesetze des Werdens und Vergehens nachzeichnend.
|
Eva
Schorr gehört zu den schöpferischen Künstlerinnen,
denen eine Doppelbegabung eigen ist und die sie auch in gleicher
Weise realisieren. Eva Schorr ist Malerin, Bildhauerin und Komponistin.
Die Entwicklung dieser Anlagen geschah bereits im Elternhaus, wo
sie von der musikalischen Mutter den Elementarunterricht auf dem
Klavier erhielt und die generelle künstlerische Anregung vom
Vater, der Musik-, Zeichen- und Sportlehrer war, außerdem
Organist und Chorleiter in Crailsheim. Sie begann bereits als Kind
zu komponieren.
|
 |
Allem
Leistungsvermögen zum Trotz galten aber Komponistinnen in deutschen
Landen in den 50er Jahren noch als Unpersonen; das bekam die Crailsheimerin
zu spüren, als ihre Bewerbung um eine Lehrstelle im Tonsatzbereich
der Hochschule von einem der nachfolgenden Direktoren allein mit
der Begründung abgelehnt wurde, dass „derlei nur von
einem Mann zu bewerkstelligen sei.
|
|
 |
 |
Eva
Schorr hat eine Passion, die auch für ihr schöpferisches
Tun grundlegend ist, nämlich eine ausgesprochene Liebe zur
Natur. Zu Ferienzeiten wandert sie über alpine Hochalmen und
fotografiert Blumen, doch auch in Schönbuch, auf der Schwäbischen
Alp und in Hohenlohe kennt sie zahllose Wege zu jeder Jahreszeit.
Auf die Frage, was Natur für sie bedeute, ob sie auch eine
Inspirationsquelle für ihre Kreativität sei, antwortet
sie „Die Natur ist eine lebensnotwendige Kraftquelle für
mich. Sie trainiert den Blick, mobilisiert und kräftigt physisch
und psychisch die körperliche Zuständigkeit, sie reduziert
Probleme auf ihr biologisches Maß. Für meine Malerei
ist sie nie Vorlage, aber immer wesentlich.“ Trotzdem –
die häufigsten Sujets ihrer Bilder sind Landschaften, Dinge
aus der Natur. Betrachtet man ihre Gemälde “Die blauen
Kakteen“ (1975) oder „Der große Stein“ intensiv,
so ist etwas davon zu finden, was sie selbst über ihre Beziehung
zur Natur und Landschaft aussagt. Eine akribische Beobachtungsfähigkeit,
die Liebe zu Genauigkeit und Detail verbinden sich mit der Gabe,
den „eigenen Blick“ hinzuzufügen. Genau dieses
will sie im Betrachter provozieren. „Ich male hauptsächlich
Landschaften“, sagt sie, „die mit dem Betrachter in
Korrespondenz treten sollen und ihm Räume öffnen sollen
in Bereiche, die seiner latenten Fantasie entgegenkommen“.
|

|
Bei
Doppelbegabungen liegt es nahe, nach der gegenseitigen Beeinflussung
der beiden künstlerischen Medien Malerei und Musik zu fragen.
In der Kunst des 20. Jahrhunderts ist diese Integration zu einer
der wesentlichen künstlerischen Ausdrucksformen geworden: in
der Collage, die es in der Literatur, Musik und Malerei gibt, können
alle genannten Bereiche miteinander verknüpft werden.
|

|
Eva
Schorr hat keine Collagen angefertigt. Sie sagt: „Seit meiner
frühsten Jugend (schon im Vorschulalter) sind mir dank eines
Elternhauses, das dafür die notwendigen Voraussetzungen bot,
sowohl die Musik als auch die Malerei lebensnotwendige Aussageformen
geworden. Gegenseitige Beeinflussungen gibt es im thematischen Sinne
nicht, wohl aber eine ästhetische und formale Grundhaltung,
die den Weg vom kreativen Einfall bis zur detaillierten Ausarbeitung
bestimmt. Ein Bild allerdings, der „Garten der Lüste“
von Hieronymus Bosch, wurde thematische Vorlage für mein Konzert
für Violine und Orchester“. Das Violinkonzert „Septuarchie“
(1975) wurde von Susanne Lautenbacher und Hans Zanotellis Stuttgarter
Philharmonikern in der Liederhalle uraufgeführt. Dass Eva Schorr
eines der bekanntesten Gemälde H. Boschs wählte, ist sicher
bezeichnend. Mit der Hinwendung zu einem der größten
Meister der Renaissance trifft die Malerin und Komponistin auf ästhetische
Grundsätze, die in ihrem eigenen Schaffen wieder zu finden
sind.
|
|

|
Eva
Schorr interessiert sich neben ihren kreativen Ausdrucksbereichen
auch für Literatur. Schon sehr früh vertonte sie Texte
von Johannes Poethen und Gabriele Wohmann. Sie liest Handke, Fromm
und befasst sich mit den ästhetischen Theorien Adornos. „Kulturphilosophische
Phänomene sind bei produktiven Menschen wohl immer im Spiele“,
sagt sie. „Die Auseinandersetzung damit, die Reibung zwischen
Tradition, Gegenwart und Zukunft wird in jedem Werk deutlich.“
Adorno hat – wie kaum ein anderer Philosoph – die Auseinandersetzung
des Künstlers mit den Problemen seiner Zeit gefordert. Er litt
besonders unter den Grausamkeiten des Nationalsozialismus und glaubte,
dass Kunst dort nichts mehr zu sagen habe, wo Kriege und Tod herrschen.
In der Kunst, vor allem der Musik des 20. Jahrhunderts erblickte
er nur Zerfall und Destruktion und sagte ihr Ende voraus. Nun, es
hat sich gezeigt, dass die Kunst noch nicht am Ende ist. Auch die
sogenannten Zerfallserscheinungen hat sie überstanden: Die
junge Generation besinnt sich stärker auf die Tradition und
verwendet Techniken und Formen der Vergangenheit.
|
|
Auch
Eva Schorr sieht diese Aufgabe des Künstlers, Probleme seiner
Zeit aufzugreifen und künstlerisch zu verarbeiten, sehr deutlich:
„Ich fühle mich sehr wohl als Künstlerin meiner
Zeit und versuche in der Musik z.B. mit der Gegenüberstellung
von modernen Texten und Bibelzitaten aktuelle Probleme und Ängste
aufzuzeigen, ohne damit plakative Modetrends erzeugen zu wollen“.
Sie realisiert – bewusst oder unbewusst – die Bindung
zur Tradition und deren Übernahme in die Gegenwart. Dass sie
eine besondere Beziehung zur Renaissance hat, macht ihre selbst
gesetzte künstlerische Aufgabe auch besonders relevant: es
sind ähnliche gesellschaftliche Bestrebungen, die beide Epochen
einander vergleichbar machen. Die Renaissance ist gekennzeichnet
durch das Emanzipationsbestreben des Menschen, einer Emanzipation
zu sich selbst als Individuum; heute beschränkt sich das Emanzipationsbestreben
nicht nur auf die Frau. Entdeckung der Natur: in der Renaissance
wird sich der Mensch ihrer in realistischer Weise bewusst; heute
bezieht sich dieses Bewusstsein auf die Verhinderung ihrer totalen
Zerstörung. Nicht zuletzt berühren sich beide Epochen
in dem Bedürfnis, im musikalischen Bereich Ordnungssysteme
der Natur widerzuspiegeln.
|

|
 |
 |
Vor
diesem Hintergrund schafft Eva Schorr ihre zahlreichen Kompositionen,
die allerdings auch in ganz pragmatischen Zusammenhängen entstehen.
„Es gibt schöpferische Schwerpunkte“, sagt die
Komponistin, „und Schwerpunkte in der Auflistung des Werkverzeichnisses.
Diese sind oft abhängig von Interpreten, vom Zielpublikum und
vom Instrumentarium des Auftraggebers und decken sich nicht unbedingt
mit den schöpferischen Schwerpunkten. Sie liegen eindeutig
bei der Kammermusik, während die eigentlichen Schwerpunkte
Stücke sind, die kraft vielfältiger Möglichkeiten
zur Farbgebung meiner Ambitionen mehr Rechnung tragen (Orchesterstücke)“.
Eva Schorr folgt damit – wie über sie zu lesen ist –„einer
altbewährten Tradition“: Schon immer lebten Komponisten
von Auftragskompositionen – seit dem Mittelalter waren es
die Könige und der Adel, die solche erteilten, heute sind es
Mäzene wie Rundfunk, Fernsehen oder Privatleute. Merkwürdig
nur, dass auf die Frauen eher die „kleineren“ Aufträge
zukommen: Lieder, Kammermusik, in seltenen Fällen einmal ein
kleineres Orchesterwerk. Dies sind Probleme, die hinlänglich
beantwortet sind: die komponierende Frau muss unterdrückt werden,
damit der komponierende Mann außer Konkurrenz bleibt. Auf
die Frage, ob auch einmal eine Frau Wegbereiterin einer neuen Kompositionsrichtung
sein könne, antwortet Eva Schorr: Ich kann mir vorstellen,
dass eine zunehmend matriarchalische Gesellschaft auch stil- und
epochemachende Frauen hervorbringen wird.“
|

|
Noch
aber leben wir in einer patriarchalisch ausgerichteten Gesellschaft,
in der vornehmlich die Frau ihren Familienpflichten nachgeht. Eva
Schorr ist verheiratet, hat drei Kinder und inzwischen auch Enkelkinder.
Auf die Frage „Sie gehören zu jenen Frauen, die mit der
Doppelbelastung “Familie – Beruf“ leben müssen.
Haben Sie diese Frage für sich befriedigend gelöst? Oder
hätten Sie lieber mehr Zeit für ihre schöpferische
Tätigkeiten?“ antwortet Eva Schorr „Ich habe versucht
die Familie, das Komponieren und das Malen gleichberechtigt nebeneinander
zu bewältigen. Bei diesem Ineinandergreifen von drei produktiven
Zweigen meiner Existenz gibt es keine Dominanz, was wiederum die
Toleranz meines Mannes und meiner Kinder zur Selbstverständlichkeit
werden ließ.“
|
|
|